Ein Gespräch mit Stefan Mainka und Anne-Katrin Jordan über das Fach und die Bedeutung der Musiktherapie für Berlin

Der berufsbegleitende Masterstudiengang Musiktherapie, der am Berlin Career College der Universität der Künste Berlin angesiedelt ist, startete zum Beginn des Wintersemesters 2026/27 mit einem neuen Leitungs-Tandem. Die Studiengangsleitung übernimmt Prof. Dr. Stefan Mainka, der bereits seit Oktober 2024 als Gastprofessor für Musiktherapie und stellvertretende Studiengangsleitung an der UdK Berlin tätig ist.

Damit löst er die langjährige und geschätzte Studiengangsleiterin Prof. Dr. Susanne Bauer ab, die seit dem Sommersemester 2008 den Masterstudiengang Musiktherapie an der UdK Berlin leitete und nun in den wohlverdienten Ruhestand getreten ist. Sie war in der Lehre insbesondere an der inhaltlichen Arbeit zur Entwicklung einer therapeutischen Haltung und Identität der Studierenden interessiert, an den kulturellen, spirituellen und Genderaspekten im Hinblick auf die therapeutische Beziehung und das therapeutische Selbstverständnis sowie an der Vermittlung von Interventionsmöglichkeiten in der Gruppenmusiktherapie. Ihr großes Engagement für den Studiengang hat Spuren hinterlassen und viele Menschen geprägt. Auch weiterhin wird sie der Musiktherapie an der UdK Berlin im Pool der Lehrenden erhalten bleiben. Wir danken Susanne Bauer sehr für ihre auch weiterhin intensive Arbeit für den Studiengang – und wünschen ihr alles erdenklich Gute für den neuen Lebensabschnitt!

Die neue stellvertretende Studiengangsleitung übernimmt Prof. Dr. Anne-Katrin Jordan im Rahmen einer Gastprofessur. Als promovierte Wissenschaftlerin bringt sie ihre fachliche Expertise in den Bereichen, Musiktherapie, Musikpsychologie, Musikpädagogik, Musik- und Erziehungswissenschaft sowie eine 15-jährige akademische Lehr- und Forschungserfahrung in den Studiengang ein. Seit 2021 hat sie die Professur für Musiktherapie und Musikpädagogik im Department Arts Therapie and Social Work an der MSH Medical School Hamburg inne und leitet dort den Bachelorstudiengang Musiktherapie gemeinsam mit Prof. Dr. Jan Sonntag.

Herr Mainka, herzlichen Glückwunsch zum neuen Amt der Studienleitung im Masterstudiengang Musiktherapie!

Stefan Mainka: Vielen Dank! Ich freue mich, gemeinsam mit Prof. Anne-Katrin Jordan die Leitung des Masterstudiengangs Musiktherapie an der UdK Berlin zu übernehmen. Mit ihr haben wir für den Studiengang eine echte Wunschkandidatin als stellvertretende Studiengangsleiterin besetzen können, mit der wir für das Fach Musiktherapie kraftvoll in die Zukunft blicken. Sie bereichert Dank ihrer jahrelangen Erfahrung und Kompetenz in Lehre sowie Studiengangsleitung den Studiengang neu und wir möchten gemeinsam positive Wege für die kommenden Jahre des Musiktherapie-Studiums an der Universität der Künste Berlin ebnen.

Frau Jordan, herzlich willkommen! Worauf freuen Sie sich am Meisten im Rahmen Ihrer Arbeit hier an der UdK Berlin? Gerade fand ja eine erfolgreiche Fachtagung statt, mit der Sie hier in Berlin begrüßt worden sind.

Anne-Katrin Jordan: Ja, ich hatte einen super Einstieg mit unserer 14. Fachtagung Musiktherapie, die am 10. Oktober stattgefunden hat und die mit vielen Teilnehmenden richtig erfolgreich gelaufen ist. Das hat mich zu meinem Start schon einmal sehr erfreut.

Fachtagung Musiktherapie, 10. Oktober 2026 © Anna Badorrek

Ansonsten bin ich glücklich, den Studiengang hier an der UdK Berlin, in dem ich selbst studiert habe, jetzt gemeinsam mit Stefan Mainka leiten zu dürfen und mit den Studierenden zu arbeiten. Das Team der Lehrenden ist hoch qualifiziert, was für mich eine gute Arbeitsqualität ausmacht. Ich freue mich auch darauf, inhaltlich die Seminare von Prof. Dr. Susanne Bauer zu übernehmen, genauso wie meine eigenen Themen mit einzubringen. Zusätzlich möchte ich die Forschungsprojekte, die ich am IRAT (Institute for Research in Arts Therapies) an der MSH Medical School Hamburg leite, auch für die Berliner Studierenden öffnen.  Da wäre zum Beispiel das Forschungsprojekt „KlangKunst – Kunst- und Musiktherapie bei Schwangeren mit stationärem Aufenthalt“ für Frauen mit Risiko-Schwangerschaft im Krankenhaus. Diese Frauen erhalten in Kooperation mit der „Klangwerkstatt Deutz Berlin“ sechs Interventionen Musiktherapie, für die Studierende geschult werden, damit sie im Rahmen von Praktika und unter supervisorischer Begleitung die Behandlungen direkt selbst durchführen können. Momentan wird das Projekt in Hamburg durchgeführt, es soll aber auch in Berlin und für andere deutsche Städte aufgebaut werden. Daran arbeiten wir gemeinsam im Verbund mit Kolleginnen von der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Nordrhein-Westphalen und der Universitätsmedizin Essen. Ein anderes Projekt wäre das Projekt „Echt stark – Prävention durch Stärkung des Selbstwerts“ für Kinder der vierten Klassen, entwickelt von Dr. Anna Lisa Prechtl. Auch daran arbeiten Berliner Studierende der UdK Berlin bereits mit. Es ist eine tolle Chance, weil die Musiktherapiestudent*innen dadurch sehr schnell praktische Erfahrungen gewinnen können und gleichzeitig in die Forschung mit eingebunden sind. Auch Themen für ihre Abschlussarbeiten können sie über diese Projekte generieren.

Das klingt nach tollen und besonderen neuen Perspektiven für die Studierenden. Warum ist aus Ihrer Sicht der Studiengang Musiktherapie für Berlin so wichtig?

Anne-Katrin Jordan:  Der Studiengang Musiktherapie ist deshalb bedeutsam, weil die Absolvent*innen so dringend gebraucht werden. Es können längst nicht alle Stellen in der Musiktherapie besetzt werden ohne ausreichend ausgebildete Musiktherapeut*innen. Die Demenz ist für die Musiktherapie ein sehr wichtiges Arbeitsfeld, ebenso hilft sie u.a. bei der Behandlung von Schlaganfällen, Parkinson sowie in der Kinder- und Jugendpsychiartrie. Sabrina Fechner, eine Patientin, gab uns nach unserer Fachtagung vor ein paar Tagen ein sehr wichtiges Feedback, das vielleicht für sich spricht. Sie hat bei einem schweren Unfall einen Genickbruch überlebt und war über sieben Monate lang im Krankenhaus. Sie verdeutlichte uns, dass sie während dieser Zeit gern eine musiktherapeutische Behandlung gehabt hätte:

„Für Menschen wie mich wäre ein musik- oder kunsttherapeutisches Hilfsangebot während des Klinik- oder Reha-Aufenthaltes hilfreich gewesen, um beispielsweise mit dem Einsatz der Stimme oder Farben das festgefrorene Trauma fühlbarer zu machen. Anfangs, als ich noch nicht laufen konnte, hätte der Klang eines Monochords auf meinem Körper geholfen, mein Inneres zu spüren um mich evtl. mal zum Weinen zu bringen. (…) Um mich später auf die berufliche Wiedereingliederung vorzubereiten, suchte ich ca. 1 Jahr nach dem Klinikaufenthalt Hilfe bei einer Gesangs- und Musiktherapeutin in Berlin. Bereits in der ersten Sitzung schien ich wieder Kontakt bzw. ein Gefühl zu meinem tiefen Innenleben zu spüren. (…) Mit Hilfe des großen Gong-Klangs und dem Stimmeinsatz half mir die Musiktherapeutin meine verborgenen Gefühle zu spüren. (…) Vieles lässt sich meiner Erfahrung nach nicht mit Gesprächstherapie ausdrücken, weil Vieles im Verborgenen liegt. Für Menschen, die nicht gerne sprechen, stellt Musiktherapie einen Lösungsansatz dar. (…) Ich hätte in der Anfangsphase meine Unfallfolgen mehr noch die Hilfe von Musiktherapeut*innen in Anspruch nehmen sollen. Wie schön wäre es, wenn Musiktherapie genauso wie Schmerztabletten eine Kassenleistung wäre bzw. von den (gesetzlichen) Krankenkassen übernommen werden würde!“

Das beschreibt ja aus Patientinnen-Sicht, wie wichtig die musiktherapeutische Arbeit ist – und wie bedeutsam daher auch die Ausbildung von Musiktherapeut*innen. Und für den Studiengang hier in Berlin gibt es so viel Unterstützung und positive Stimmen, dass wir darauf bauen und in die Zukunft arbeiten möchten

Stefan Mainka: Unbedingt! Und wir sind deshalb auch sehr dankbar, dass das Thema nun auch in der Berliner Politik angekommen ist: Eine Petition zum Erhalt des Masterstudiengangs, aufgestellt von der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft (DMtG), wurde von 5029 Menschen unterzeichnet und Anfang September offiziell von einer kleinen Delegation vor dem Berliner Abgeordnetenhaus an die Wissenschaftssenatorin Dr. Ina Czyborra übergeben. Auch weitere Ausschussmitglieder haben dabei dem Anliegen Gehör geschenkt – und die Gespräche gehen weiter.

Super! Dann möchten wir gemeinsam mit Ihnen positiv in die Zukunft schauen – und es gibt bereits erste Pläne, ein Studium Musiktherapie an der UdK Berlin fortzuführen. Kann man dazu schon etwas sagen?

Stefan Mainka: Ja, wir kommen mit unseren Ideen und Überlegungen sehr gut voran. Seit Ende Juni 2026 haben wir gemeinsam mit Vertreter*innen der Fakultät Musik der UdK Berlin eine AG gegründet, um zu überlegen, wie ein neuer Masterstudiengang Musiktherapie – angesiedelt an der Fakultät Musik – entwickelt werden kann. Wir prüfen derzeit, ob eine Kooperation mit der Universitätsmedizin der Charité Berlin dazu möglich ist. Das liegt auf der Hand, denn wir haben in unserem Dozierendenpool bereits engagierte Lehrende von der Charité – die offizielle Kooperationsanfrage steht noch aus. Neu wäre, dass dieser neue Studiengang als konsekutives Angebot für Absolvent*innen von Musikhochschulen gedacht ist und nicht wie bisher auch für Absolvent*innen von medizinischen oder sozialen Fachbereichen.

Anne-Katrin Jordan: Es gibt bereits einen Entwurf für eine Studienordnung zu einem neuen, zweijährigen Masterstudiengang Musiktherapie, der gerade geprüft wird. Dabei wurden Ideen zur Integration des Studiengangs in bereits bestehende Fächerangebote an der Fakultät Musik berücksichtigt, um Synergien zu schaffen. Eine baldige Umsetzung wäre wunderbar, eine konkrete Zeitschiene gibt es allerdings noch nicht. Wir arbeiten sehr intensiv daran und schauen tatsächlich positiv in die Zukunft.

Stefan Mainka: Wir haben auch einen Förderverein gegründet zur Förderung der akademischen Musiktherapie in Berlin: „Mutheba e.V.“ (MUsikTHerapieBerlinAkademisch). Damit können zum Beispiel Studienbelange im Allgemeinen, Stipendien, Tagungen oder Symposien finanziert werden. Denn wir möchten auch weiterhin so schöne und bereichernde Fachtagungen durchführen wie vor ein paar Tagen. Diese Energie trägt uns weiter und wir sind zuversichtlich, dass die Musiktherapie in Berlin und an der Universität der Künste Berlin auch zukünftig einen guten Standort hat.

Informationen zum Masterstudiengang Musiktherapie: https://www.udk-berlin.de/studium/musiktherapie-master-of-arts/